Logroño – Navarrete

Als ich das Hostal verlasse, weht erstmalig ein halbwegs frischer Wind. Der Weg wird heute weder besonders lang, noch schön, noch anspruchsvoll. Eigentlich also perfekt, wenn…

Ja, wenn ich gestern nicht den Verlockungen der unzähligen Tapas Bars erlegen wäre, und in meiner Welt wollen solche Köstlichkeiten mit reichlich Flüssigkeit hinuntergespült werden. Also trotte ich mit Knoblauchfahne und dem Gefühl eines modrigen Teppichs in meinem Mund heraus aus der Stadt.

Die ersten 100.000 Schritte in Spanien habe ich gestern vollgemacht, körperlich und geistig geht’s mir gut, dafür habe ich eine Danksagung beim Kirchenbesuch an unbekannte Adresse gesendet. Das nicht unübliche mentale und/oder körperliche Loch bei solcherlei Wanderungen nach den ersten Tagen blieb mir erspart, vielleicht auch eine Folge der diesmal etwas kürzer gewählten Etappen. Wenn man nicht jeden Abend auf der Felge in den Stall rollt, bleiben anscheinend noch Reserven.

Nach ungefähr sechs Kilometern erreiche ich einen kleinen See an einem  Naherholungsgebiet, ich ziehe erstmals meine Fleece Jacke an und lege mich kurz zur Rast auf eine Bank. Und schlafe ein. Zwar nur kurz , aber immerhin. Darüber freue ich mich, denn mit dem schlafen in der Nacht läuft es nicht so gut, es ist meist zu warm oder zu laut, oder beides.

Ausserdem beobachte ich in dem Wäldchem am See, wie ein älterer Herr die dort herumlaufenden Eich- oder Streifenhörnchen aus der Hand füttert. Drollig!

Während ich den einzig nennenswerten Hügel hochstapfe, gehen mir die Gespräche vom gestrigen Abend durch den Kopf. Mit einigen Pilgern bin ich ins Gespräch gekommen, für gewöhnlich halte ich mich bei den Verbrüderungsszenen des Caminos heraus und beobachte neugierig die Gruppendynamik und wie Männlein und Weiblein umeinander scharwenzeln –  der Weg gilt nicht umsonst als größte Partnerbörse und längste Therapiecouch der Welt. Gestern ergab es sich anders, es war entspannt und unterhaltsam, rundum nett. Vielleicht der Wein?

Oben angekommen machen mich die in den Strassenzaun eingeflochtenen Holzkreuze nachdenklich, viele sind mit Bildern und Fotos  der (verstorbenen?) Angehörigen der Kreuzbastler versehen. Für welche Schicksale diese Kreuze wohl stehen? Mein Trübsinn verfliegt, als ich in der 1,2 qm großen Auslage des Designer Outlets Navarrete das letzte weltweit verbliebene Beverly Hills 90210 T-Shirt entdecke, ob ich es kaufen sollte?

Und zack!, schon bin ich am Ziel. König Sancho nimmt mich als Gast auf, im Fußballfeld großen Zimmer mit Zigarettenschachtel kleinem Fernseher. Egal, der Pilger ist demütig und dankbar und bezahlt für den Luxus des Einzelzimmers gerne 38 Euro, morgen und übermorgen gibt’s wieder Herbergen…

 

 

 

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